Denk-Ort

Das ist mein Denk-Ort

#3

„Mein“ Denkort, das sind all die Puzzlestücke in meinem Kopf, wenn ich an diesem Ort denke: Bruchstücke von Zahlen. Namen von Menschen, die hier arbeiten mussten. Geschichten über die Arbeits- und Lebensbedingungen hier, die ich gelesen habe. Ein bitteres Schluchzen eines „routinierten“ irischen „Zeitzeugen“, den die Erinnerung einholt, wenn er über seine verlorene Jugend spricht. Der Moment der Stille im lebensgeschichtlichen Interview mit einem ehemaligen niederländischen Zwangsarbeiter, wenn er darüber spricht, dass seine Frau zu ihm sagte, er solle nochmal nach Deutschland zurückkehren. Die Stimmung im kleinen französischen Ort Murat, 70 Jahre nachdem fast alle männlichen Bewohner des Ortes zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert wurden. Das empörte „Wow, the Germans were so cruel“ eines Workcamp-Teilnehmers aus Taiwan, nachdem wir über die Verbrechen der Deutschen während des NS geredet haben. Der Ärger darüber, wie die Geschichte der Verbrechen an diesem wie auch an zahlreichen anderen Orten von NS-Verbrechen so lange „beschwiegen“ werden konnte…. Gesprächsfetzen aus Unterhaltungen mit Menschen über diesen Ort, über Wünsche, Erwartungen und Enttäuschungen. Der Geruch von modrigem Beton, gemischt mit Baustaub, den es bald, wenn die neue Ausstellung fertig ist, nicht mehr geben wird.

#2

Der Denkort Bunker Valentin stellt für mich einen Ort dar, an dem an Geschichte erinnert wird. Er ist sowohl ein Zeugnis der Vergangenheit als auch ein Mahnmal. Zudem nehme ich diesen Ort auch als Ort des interkulturellen Austausches war. Bei Führungen habe ich oft die Erfahrung gemacht, dass eine Gruppe von Menschen, die sich untereinander nicht kennen, an diesem Ort schnell miteinander ins Gespräch kommen und nach dem ersten Staunen über das gigantische Bauwerk über die Geschichte dahinter sprechen. Daher sehe ich den Denkort auch als Begegnungsstätte (Ort des Zusammentreffens).

#1

Mein Denk-Ort, das ist die Emotion von Franco R., als er im Sommer 2013 nach einer langen Autofahrt ins Ungewisse, aus Rom kommend, in Bremen-Farge ankam und völlig ahnungslos vor dem Bunker stand, auf dessen Baustelle sein Vater monatelang geschuftet hatte. Er wusste weder, dass der Bunker die Jahrzehnte überstanden hatte, noch dass er im dortigen Archiv auf ein Foto aus dem Jahr 1944 stoßen würde, auf dem er meinen würde, seinen zur Zwangsarbeit eingesetzten, jungen Vater wiederzuerkennen. Mein Denk-Ort, das ist das tränenreiche Gesicht von Madame D., aus Murat (Frankreich), als sie 2012 zum ersten Mal nach Farge kam und, im Bunker stehend, das Gefühl hatte, endlich ganz nah bei ihrem Vater sein zu dürfen. Als er im Juni 1944 im Rahmen einer großangelegten Razzia verhaftet und deportiert wurde, war sie 6 Jahre alt. Er verstarb am Ende des Krieges unter ihr unbekannten Bedingungen in Farge. 70 Jahre später trauert sie immer noch um den Vater, ohne den sie groß werden musste.