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„An die Tage des Überlebens“

Spuren einer Freundschaft im Zwangsarbeitslager –
Zwischen Leid, Erinnerung und Anerkennung 

 

In Italien bewahrt Maurizio Tomasi zwei Portraits auf. Es sind alte Fotos, die er geerbt hat. Darauf sind zwei Frauen zu sehen. Die Beiden hat er persönlich nie getroffen. Er kennt ihre Geschichte nicht. Er weiß nicht, ob sie noch leben. Seine Verbindung zu diesen Fotografien ist sein verstorbener Vater, Elia Tomasi:

„Diese zwei Frauen waren zusammen mit meinem Vater interniert. Als IMI [Anm.: Italienischer Militärinternierter] musste er auf der Baustelle des Bunkers ‚Valentin‘ Zwangsarbeit leisten und war im Lager Schwanewede eingesperrt. Leider kann ich nicht sagen, unter welchen Umständen er die beiden Frauen kennengelernt hat, auch nicht welche Art der Verbindung es zwischen [ihnen] gab. Er hat nur berichtet, dass es sich um zwei russische Frauen handelte.“ -Maurizio Tomasi

Das Lager in Schwanewede

Das Zwangsarbeitslager in Schwanewede war das größte Lager in der „Rüstungslandschaft“ um den Bunker „Valentin“. Es war ein Doppellager, denn entsprechend der rassistischen Ideologie wurden die Zwangsarbeiter:innen getrennt voneinander untergebracht. Das Schwaneweder Lager bestand aus einem „Westarbeiterlager“ und einem „Ostarbeiterlager“; von den Nazis als „Heidkamp I“ und als „Heidkamp II“ bezeichnet.

Betreiberin war die Organisation Todt (O.T.), eine paramilitärische Bauorganisation, die für verschiedene Kriegsbauwerke verantwortlich war. Darunter waren Bauten wie der „Westwall“, der „Atlantikwall“ sowie die Untertageverlagerung von Industriebetrieben. Während des Zweiten Weltkriegs setzte die O.T. zahlreiche Zwangsarbeiter:innen bei den kriegswichtigen Bauprojekten ein. Auch nach Farge wurden zahlreiche Menschen aus den besetzten Gebieten deportiert und zur Arbeit an einem Rüstungsprojekt der Kriegsmarine, dem Bunker „Valentin“, eingesetzt.

Es waren von 1943 bis 1945 ungefähr 4.500 Zwangsarbeiter:innen im Lager „Heidkamp“ untergebracht. Menschen aus den Niederlanden, Belgien, Frankreich, Dänemark, Rumänien, Polen und aus der Sowjetunion mussten in diesem Lager leben. Aber auch eine große Gruppe von „Italienischen Militärinternierten“ wurde dort inhaftiert. [2]

Während die sogenannten „Westarbeiter“ in der rassistischen Hierarchie der Nationalsozialisten weiter oben standen und ein wenig „besser“ behandelt sowie versorgt wurden, galt dies jedoch nicht für die „Ostarbeiter“ [3] und die „Italienischen Militärinternierten“. Letztere wurden nach der Kapitulation Italiens als Verräter betrachtet und wurden somit vom Verbündeten zum Feind. Ende September 1943 erklärte Hitler die gefangenen Italiener zu „Militärinternierten“. Damit wurde das völkerrechtliche Verbot, Kriegsgefangene in der Rüstungsproduktion einzusetzen, umgangen und die Italiener konnten u.a. am Rüstungsprojekt Bunker „Valentin“ eingesetzt werden.

Elia Tomasi, geboren am 19.07.1924, begann seinen Militärdienst am 26. August 1943 in Italien. Kurz darauf, am 9. September, wurde er von der Wehrmacht gefangen genommen. Als „Italienischer Militärinternierter“ war Elia im „Heidkamp“-Lager eingesperrt und somit auch als Zwangsarbeiter bei der „Arbeitsgemeinschaft Nord“ auf der Bunkerbaustelle eingesetzt. Dort entstand die Verbindung zu den beiden Frauen aus der Sowjetunion.

Foto: Elia Tomasi als junger Mann, (c) Privatbesitz

Bild 1 links Sina: „Iljuscha, für eine gute, lange Erinnerung von Sina. An die Tage des Überlebens in Deutschland. Iljuscha, erinnere dich, wie wir zusammengearbeitet haben.“ Bild 2 rechts Wera: „Ily, für eine gute, lange Erinnerung von Wera Falej. An die Tage des Überlebens in Deutschland. 4. Mai 1945“, (c) privat, Datum und Fotograf unbekannt

Elia Tomasi erhielt nie irgendeine finanzielle Entschädigung aus Deutschland. Die einzige Anerkennung, die ihm entgegengebracht wurde, war die Verleihung einer personalisierten Ehrenmedaille als Anerkennung seines erlittenen Unrechts. Foto aus dem Jahr 2010, privat

 

„OST“ auf der Brust

Die beiden Frauen auf den Fotos waren sogenannte „Ostarbeiter“ und wurden wahrscheinlich Mitte 1943 aus den besetzten sowjetischen Gebieten ins Deutsche Reich deportiert, um für die kriegswichtige Bunkerbaustelle unter Zwang zu arbeiten. „Ostarbeiter“ ist ein nationalsozialistischer Begriff, der harmlos wirkt und die Situation von ungefähr 3 Millionen zivilen Zwangsarbeiter:innen [4] aus der Sowjetunion während des Zweiten Weltkriegs nur unzureichend umschreibt. Dahinter steckten die unmenschliche, rassistische Behandlung und der Antislawismus der Nazis. Sie hatten für die „Ostarbeiter“ zahlreiche rassistische Regeln und Gesetze entwickelt, da die Menschen aus der Sowjetunion in der NS-Hierarchie auf den niedrigsten Ebenen standen und als „Untermenschen“ betrachtet wurden. Deshalb wurden sie schlechter versorgt und behandelt. Zudem mussten sie eine diskriminierende Kennzeichnung auf ihrer Brust tragen: ein rechteckiger, blau-weißer Stoffstreifen, auf dem in Großbuchstaben „OST“ stand. Der Begriff macht auch unsichtbar, dass von den ungefähr 3 Millionen „Ostarbeiter“ fast zwei Drittel Frauen waren. [5]

In der nationalsozialistischen Gesellschaft, der sogenannten „Volksgemeinschaft“, wurden nur die Menschen als vollwertige Mitglieder betrachtet, die der sogenannten „arischen Rasse“ angehörten und sich uneingeschränkt zum „Führer“ bekannten und ihm bedingungslos folgten. Eine diffuse Vorstellung von großen, blonden nordischen Menschen mit blauen Augen setzte sich in der Propaganda durch, aber konkrete Merkmale für die Zugehörigkeit wurden selten genannt. Der Begriff „Volksgemeinschaft“ wurde vor allem deshalb eingeführt, um ihn als Instrument gegen „unerwünschte“ Menschen zu nutzen. [6] Dies richtete sich vor allem gegen die jüdischen Menschen, Sinti:zze und Rom:nja, aber auch gegen die sowjetischen Bürger:innen.

Geschichte

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Besuch

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