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Wir sind Multi-peRSPEKTif

Multi-peRSPEKTif - Experte der eigenen Geschichte werden - vom pädagogischen Projekt zur Medienplattform

Präsentation der neuen Medienplattform im Infozentrum (c) Denkort/LzpB 

 

Seit Ende Mai 2018 erweitert die Multi-peRSPEKTif - Medienplattform im Infozentrum die permanenten Ausstellungsangebote am Denkort Bunker Valentin. Besucherinnen und Besucher können an einem Bildschirm einen kurzen Dokumentarfilm sowie 15 Videoclips mit den Projektteilnehmenden ansehen.

Viele Menschen mit eigenen oder familiären Migrationserfahrungen besuchen bislang den Denkort als Teil von Gruppen oder individuell. Obwohl sie Bremen als ihre Heimat begreifen, ist ihr Anteil am Team der festen und freien Mitarbeiterschaft gering. Wie können wir also stärker unterschiedlicher geprägte Menschen an der erinnerungspolitischen Gestaltung teilhaben lassen, bzw. welche Faktoren scheinen das manchmal zu verhindern?

Von manchen wird heute gefordert, dass alle Flüchtlinge Gedenkstätten besuchen müssten. Teilnehmende des Multi-peRSPEKTif Projektes äußerten sich folgendermaßen dazu:

Nour: „Wenn man freiwillig sich eine Gedenkstätte angucken kann, finde ich das auch in Ordnung. Aber wenn man dazu gezwungen wird, finde ich das nicht in Ordnung. Das ist inakzeptabel.“

Pascha: „Jeder Mensch sollte sich mit diesem Thema beschäftigen. Es [ist] eine Heuchelei, dass Deutsche meinen, dass die Geflüchteten gar nichts lernen möchten. Aber sie selbst stehen oben und meinen, dass es in Deutschland keine Homophobie oder Rassismus mehr gäbe.”

 Mehr erfahren: Die Medienstation hält vor Ort vielfältige Projektinformationen bereit. (c) Denkort/LzpB

Wie könnten differenzierte Fragestellungen, die durch Ausgrenzungserfahrungen einerseits aber auch durch gegenwärtige Erfahrungen mit Vertreibung, Krieg und Flucht sowie globaleren Verflechtungen von Geschichte(n) andererseits geprägt sind hörbarer werden?

In einer Situation globaler politischer Krisen, in die Staaten mit hohem Wohlstand und vermeintlich sicherer Lebensgrundlage auf vielfältige Weise verwoben sind, produziert eine Engführung auf „die Flüchtlingskrise“ mehr denn je falsche und schnellfertige Schlussfolgerungen. Um dem entgegenzuwirken, bedarf es immer wieder neu auszuhandelnde Konzepte, mit dem Ziel, die Komplexität aufzuzeigen und auch auszuhalten. Gerade historisch-politische Bildungsarbeit verfolgt diesen Anspruch.

Frei nach dem Leitsatz „fragend gehen wir voran“ wollten wir uns und andere ermutigen, Fragen zu formulieren und einander zuzuhören. Indem vielfältige Perspektiven hörbar(er) und zugleich konkretisiert werden, können sich bestehende Blicke auf Zusammenhänge von Geschichte, Erinnerung und Gegenwart effektiv verändern. In diesem Sinne ist Multi-peRSPEKTif ein pädagogisches Projekt und eine Intervention.

Die erste Phase des Projektes bestand aus Workshops und Exkursionen, bei denen wir mit Aufnahmegerät, Foto- und Filmkamera ausgestattet waren. Wir arbeiteten am vertrauensbildenden Prozess innerhalb der Gruppe und so kristallisierte sich heraus, wer stärker an einer Mitarbeit am Denkort interessiert war.

Diese Kerngruppe, junge Menschen aus Guinea, Russland, Tschetschenien, Usbekistan und Syrien kamen schließlich zu einem gemeinsamen Intensivworkshop mit Kolleginnen und Kollegen des Denkort für drei Tage in die Bildungsstätte Bredbeck (Landkreis Osterholz-Scharmbeck). Dazu luden wir auch zwei Medienpädagogen der Agentur “Vomhoerensehen” ein, die am Workshop teilnahmen und gleichzeitig filmten, sowie Gespräche mit der Filmkamera aufnahmen. Die daraus entstandenen Interviewclips bilden das Herzstück der Multi-peRSPEKTif Medienplattform.

Das Konzept dieses Wochenendes bestand darin, sich auf fünf inhaltliche Stränge zu konzentrieren: 1) Erinnerung: Wie und worüber überhaupt sprechen? 2) Erfahrungen im Zusammenhang mit Flucht und Migration – individuell und gesellschaftlich. 3) Lager und Zwangsarbeit als sich fortsetzende Systeme. 4) Heimat? 5) Was bedeutet für mich Zukunft und wie formuliere ich Wünsche an diese?

Um die Themen methodisch miteinander zu verweben, nutzten wir ganz unterschiedliche Materialien als Input. Zum Beispiel arbeiteten wir mit einem kurzen Video eines Gesprächs des ehemaligen Zwangsarbeiters der Bunkerbaustelle, Marian Hawling, mit seinen Kindern. Im polnischen Widerstand bewegte sich Hawling quer durch Europa, bis er schließlich von der Gestapo gefangen genommen wurde und über verschiedene Lager im KZ Farge landete. Nach seiner Befreiung wanderte er nach Australien aus und wählte die größtmögliche Distanz zu dieser Geschichte. Erst Jahrzehnte später, angestoßen durch die hartnäckigen Fragen seiner Kinder, brach er sein Schweigen. Als im Interview mit den Projektteilnehmern Timur und seinem Lebenspartner Bekhruz das Gespräch um deren Zukunft und Familienplanung kreiste, bezog sich Timur auf Hawling. Er stellte sich die Frage, welche Teile seiner eigenen Verfolgungserfahrungen als Homosexueller in Russland die zukünftige Geschichte seiner eigenen Kinder prägen könnte.

 Die Interviews können an der Medienstation angehört werden. (c) Denkort/LzpB

Die Medienplattform im Infozentrum will Besucherinnen und Besucher einladen, über das eigene Verständnis von Heimat nachzudenken oder welchen Stellenwert die Erinnerung an die Geschichte des Nationalsozialismus im eigenen Leben hat. Der Multi-peRSPEKTif Ansatz ist in diesem Sinne best practise unseres pädagogischen Konzeptes: Wenn wir uns immer wieder neu Fragen zur Multiperspektivität und den Handlungsoptionen der Akteure auf und um die Bunkerbaustelle stellen, statt vorgefertigte Erklärungen zu konsumieren oder gar moralische Urteile zu fällen, befähigt es uns vielleicht eher in der Gegenwart etwas zu ändern – denn das können wir.

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