Rückblick auf die Besuchsprogramme ehemaliger Zwangsarbeiter:innen in den Jahren 1999 - 2005

„Bremen ist für mich die Stadt meiner Leiden“

Die Ukrainerin Sinaida Lobanowa-Danilowna war 13 Jahre alt, als sie nach Nazi-Deutschland gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Tante verschleppt wird und in der Küche der Borgward-Werke unter Zwang arbeiten musste. Sinaida war von 1943 bis 1945 im Lager Osterholzer Heerstraße inhaftiert und überlebte die Zwangsarbeit in Bremen. 1999 erhält Sinaida eine Einladung aus Bremen, um die Stadt zu besuchen und die ehemaligen Leidensorte anzusehen. Ihre Antwort: „Natürlich sind es schwere Erinnerungen für mich, die sehr mit meiner Familie verbunden sind. Deswegen nehme ich die Einladung an, Bremen zu besuchen. Bremen ist die Stadt meiner Leiden.“ 

Sinaida gehört zu den 18 Überlebenden, die zum ersten Besuchsprogramm 1999 nach Bremen anreisen und an dem Programm teilnehmen. Ihre Mutter und Tante leben nicht mehr. Sie selbst ist 69 Jahre alt.

Eine junge Frau in einem schwarzen Kleid mit einem Blumenanhänger und einer Karte mit der Nummer 486 an ihrem Kragen. Sie blickt direkt in die Kameralinse.
Archivaufnahme der ukrainischen Zwangsarbeiterin Sinaida Lobanowa-Danilowna, die in den Borgward-Werken Zwangsarbeit leisten musste. An ihrem Kragen sind eine Erkennungsnummer und das teilweise verdeckte Zwangskennzeichen „OST“ zu sehen. Die verschleppten Frauen wurden in der deutschen Verwaltung vorrangig unter ihrer Nummer geführt – ihre Namen waren zweitrangig. Quelle: Staatsarchiv Bremen, Signatur 71112-72

Ein Zeichen der Anerkennung? Die Besuchsprogramme in Bremen

Der Besuch der ehemaligen Zwangsarbeiter:innen aus der Ukraine fand vom 10. bis zum 17. Oktober 1999 statt. Auf dem Programm stehen ein Senatsempfang, eine Stadtrundfahrt, ein Gedenkgottesdienst im Bremer Dom, eine Gedenkveranstaltung am Friedhof in Bremen-Osterholz und die Besichtigung von ehemaligen Arbeits- und Haftstätten, darunter natürlich auch der Bunker „Valentin“, der damals noch keine Gedenkstätte war. 

Der Bremer Senat und der Walerjan-Wróbel-Verein Zwangsarbeit e. V. stießen das Programm an. Der Verein war im Wesentlichen für die Durchführung und die Begleitung der Überlebenden verantwortlich. Grundlage war ein Beschluss des Senats und der Bremischen Bürgerschaft aus dem Jahre 1998 und der darauffolgenden Einrichtung eines „Hilfsfonds für ehemalige Bremer Zwangsarbeiter aus Ost- und Südeuropa“. Jährlich sollte ein Besuchsprogramm für eine Gruppe von ehemaligen Zwangsarbeiter:innen in Bremen durchgeführt werden. Finanzielle Ressourcen kamen zu gleichen Teilen aus öffentlichen Mitteln und über die Beteiligung bremischer Unternehmen - in Form von steuerlich gut absetzbaren Spenden. Das erste Programm unterstützen u.a. die Bremer Stahlwerke, das Mercedes-Benz-Werk in Bremen, die BSAG und die swb.

Ein Artikel mit der Überschrift Rathaus und Bunker Valentin. Dazu ein Foto der Senatorin Hilde Adolf, die mit mehreren Frauen spricht.
Einer der vielen Zeitungsberichte über den Besuch, erschienen am 12.10.1999 Quelle: Staatsarchiv Bremen / Weser Kurier

Die Presse begleitete die Überlebenden und beteiligten Akteur:innen während des Programms und veröffentlichte mehrere Artikel. Einige zeigten die Besichtigungen, den Empfang oder den Gottesdienst, andere wiederum zeigten Fotos aus den 40er-Jahren, die die Ukrainer:innen als Beweis ihrer Zwangsarbeit mitgebracht haben. Während die meisten Artikel das Programm, die Zwangsarbeit in Bremen, den entstanden Hilfsfond und die Debatten um Entschädigungen thematisierten, blitzen hin und wieder Beschreibungen um den Wunsch einer „Wiedergutwerdung“ auf. „Eine große Chance zur Begegnung“ schreibt die Kreiszeitung Syke am 12. Oktober 1999 und untertitelt es mit „Dankbar für die Einladung“. Einen Tag später erscheint ein Artikel mit dem vielsagenden Titel „Nicht mehr so böse wie damals“. 

Waren sie im Nationalsozialismus als billige Arbeitsmittel ausgebeutet und unter unmenschlicher Behandlung in Baracken untergebracht, sind sie 1999 Gäste der Stadt Bremen. Was war die Motivation ihres Besuchs? 

Doppelt ausgegrenzt: Zwangsarbeit und Verfolgung nach 1945

Lange Zeit galten sie als „vergessene Opfer“ und NS-Zwangsarbeit als Begleiterscheinung eines Krieges. Ohne Chance auf Anerkennung oder Entschädigung blieben ihnen nicht viele Mittel, um ihr Leid aufzuarbeiten oder darauf aufmerksam zu machen. Dies lag nicht nur an der Unwilligkeit des deutschen Staates, der Gesellschaft oder Wirtschaft, sondern auch an dem doppelten Unrecht, dem die ehemaligen Zwangsarbeiter:innen aus „Osteuropa“ ausgeliefert waren. Mit ihrer Befreiung und Rückkehr waren sie in der Sowjetunion einem Generalverdacht ausgesetzt: ihnen wurden Verrat und Kollaboration mit den Nazis und sogar Spionage vorgeworfen. Als Sowjetbürger:innen hätten sie sich unter keinen Umständen dem Feind ausliefern sollen. 

Nach der Kapitulation Deutschlands sollten alle Zwangsarbeiter:innen aus der Sowjetunion dem Geheimdienst NKWD Beweise für ihre Unschuld liefern und in strengen Befragungen - den „Filtrationen“ – nachweisen, dass sie in keiner Weise mit den Nazis zusammengearbeitet haben. Nur die wenigsten von ihnen konnten überhaupt Nachweise liefern. Viele „bestanden“ die Befragungen nicht und wurden nach Sibirien in Gulags deportiert. Dort mussten sie dann wieder Zwangsarbeit leisten, nur dieses Mal für den Herkunftsstaat. Konnten die ehemaligen Zwangsarbeiter:innen den Verdacht abwenden, durften sie in ihre Herkunftsorte und zu ihren Familien zurückkehren. Vor Ort waren sie jedoch der Stigmatisierung durch den Generalverdacht ausgesetzt. Dies zeigte sich in Verboten zum Studium, Zulassungen zu wichtigen Arbeitsstellen oder der täglichen Diskriminierung. Viele Betroffene sprachen deshalb nicht über das erlebte Leid und schwiegen. Mitgebrachte Erinnerungsstücke wurden versteckt oder vernichtet.

Vom Schweigen zur Hoffnung auf Entschädigung

Dies änderte sich erst mit dem Zerfall der Sowjetunion und der Unabhängigkeit vieler sozialistischer Republiken. Die Aufarbeitung von politischer Terrorherrschaft, wie des Stalinismus, war nun möglich. Der Umbruch versprach einen Neuanfang und eine neue Bewertung der Vergangenheit des sowjetischen Staates. Seit 1989 setzte sich die Menschenrechtsorganisation Memorial Moskau für die Aufarbeitung stalinistischer Verbrechen sowie die Rehabilitierung von Betroffenen ein und bot soziale Hilfen für Gulag-Überlebende an. So ist diese Organisation Anfang der 90er Jahre zum Mittelpunkt der beginnenden Aufarbeitung von NS-Zwangsarbeit in „Osteuropa“ geworden. In einem Zeitungsartikel der Izvestija berichteten Journalist:innen von der Debatte im Deutschen Bundestag, in der um Entschädigungen an ehemalige Zwangsarbeiter:innen verhandelt wurde. Angestoßen von den Grünen, zog sich die Debatte über ein Jahrzehnt und mündet 2001 in der Gründung der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“ (EVZ). 

Was hat Memorial Moskau damit zu tun?

Erstmals in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bzw. des Großen Vaterländischen Krieges schrieben ehemalige Zwangsarbeiter:innen Briefe und schilderten, welche Arbeit sie in Nazi-Deutschland zu verrichten hatten und welche Leiden ihnen widerfahren sind. Durch ein Missverständnis oder einen Fehler in der Berichterstattung galt Memorial Moskau als Adressat und erhielt nun um die 40.000 Briefe. Nicht nur Erinnerungen waren darin enthalten, sondern auch Fotos oder kleine Mitbringsel, die sie bisher versteckt hielten, um den Behörden den Beweis für die erlebten Verbrechen zu zeigen. Die Überlebenden hofften, dass sie nun endlich eine Entschädigung für ihre Zwangsarbeit erhalten. Sie lebten in der Sowjetunion ein schweres, von Entbehrungen und Diskriminierungen geprägtes Leben. Die Neuigkeiten aus Deutschland, die die Hoffnung auf Entschädigung nährten, bewogen viele Betroffene dazu aktiv zu werden. Dies zeigte sich nicht nur in Briefen und Fragen an Memorial Moskau, sondern auch in Anfragen an Behörden in Deutschland. Viele baten um Nachweise für ihre Rentenbescheide und hofften, dass sie somit eine bessere Altersvorsorge erhalten würden. 

Während also auf Bundesebene erst 2001 eine Stiftung für die Entschädigungszahlungen aktiv wurde, war Bremen mittendrin in den Besuchsprogrammen und auf der Suche nach einer konstanten Finanzierung des eingerichteten Hilfsfonds.

Passfotos von Frauen, jeweils mit Name und Geburtsdatum darunter. Handschriftliche Notizen zu Gesundheit, Inhaftierung, Sterbedatum.
Lichtbilder ehemals polnischer Zwangsarbeiterinnen aus der Personalkartei eines Betriebes in Bremen-Vegesack, erstellt um 1941, versehen mit handschriftlichen Notizen. Quelle: Staatsarchiv Bremen

Sechs Besuchsprogramme zwischen 1999 und 2005

Insgesamt führte der Verein und die Stadt Bremen sechs Besuchsprogramme durch: 

  • 1999 mit 22 Gästen davon 18 ehemalige Zwangsarbeiter:innen aus Ukraine
  • 2000 mit 22 Gästen davon 22 ehemalige Zwangsarbeiter:innen aus Polen
  • 2001 mit 19 Gästen davon 18 ehemalige Zwangsarbeiter:innen aus Ukraine
  • 2002 mit 20 Gästen davon 18 ehemalige Zwangsarbeiter:innen aus Ukraine und Russland
  • 2003 mit 9 Gästen davon 7 ehemalige Zwangsarbeiter:innen aus Belarus
  • 2005 mit 11 Gästen davon 10 ehemalige Zwangsarbeiter:innen aus Ukraine

Anhand der Aufzählung lassen sich zwei Dinge festhalten: Erstens kamen viele Überlebende aus der Ukraine. Das lag vor allem daran, weil die Ukraine sehr stark von den Deportationen zur NS-Zwangsarbeit betroffen war. Zweitens nahm die Teilnahme von Betroffenen im Verlauf der Besuchsprogramme immer mehr ab. Die Berichterstattung fiel immer dünner aus und die Finanzierung wurde 2003 auch nicht mehr von den regionalen Akteur:innen übernommen, sondern durch die neu gegründete Stiftung EVZ gefördert. Das letzte Besuchsprogramm fand zum 60. Jahrestag des Kriegsendes statt. Viele Überlebende kamen in ein Alter, in dem das Reisen immer anstrengender wurde und die Bereitwilligkeit zur Teilnahme dadurch sank. Gesundheit ging vor und die Besuche blieben aus. 

Was blieb von den Besuchsprogrammen und warum wurden sie nicht fortgeführt?

Für viele kleine Initiativen und Arbeitskreise waren die Besuchsprogramme eine gute Chance, um Kontakte und Verbindungen nach „Osteuropa“ aufzubauen. Die Begegnungen mit Betroffenen ermöglichten eine Vertiefung von Wissen oder eine Weiterentwicklung der eigenen Erinnerungsarbeit. Nur wenige Kontakte überstanden die Zeit seit dem Ende der Besuchsprogramme. Einerseits starben die Zeitzeugen und andererseits hörten Akteur:innen mit ihrem Engagement und ihrer Erinnerungsarbeit auf. Sie wurden Rentner:innen, orientierten sich um oder verstarben ebenfalls in der Zwischenzeit.

Somit zeigt sich, dass Besuchsprogramme vor allem von der Bereitwilligkeit der beteiligten Personen und der Sicherung von finanziellen Ressourcen abhingen. Zusätzlich muss der kommunale Wille bestehen, diese Initiativen zu unterstützen und es als erinnerungskulturelle und -politische Aufgabe zu verstehen. Der Walerjan-Wróbel-Verein löste sich 2006 auf, ein Jahr nach dem letzten Besuchsprogramm. Warum der Bremer Senat und die Bremische Bürgerschaft nicht mehr an dem Programm festhielten, bleibt eine offene Frage, die weiterverfolgt werden muss. Gerade für die aktuelle Erinnerungsarbeit wäre eine Neuauflage mit Nachfahr:innen sehr sinnvoll. Denn durch die nachfolgenden Generationen können wir nicht nur Geschichten und Schicksale von Überlebenden erzählen, sondern auch überlieferte Erinnerungen in Form von Familiengeschichten zu Ermordeten oder sehr früh verstorbenen Überlebenden recherchieren und vermitteln. Wo die Betroffenen selbst keine Chance hatten, ihr Leid und ihre Geschichte zu erzählen, können es Nachfahr:innen in einer anderen Form tun, sofern sie es wollen. Die Anfragen von Nachfahr:innen, die den Denkort Bunker Valentin in den letzten Jahren erreichen, zeigen ein solches Interesse. Ob sie die moralische Rolle der Überlebenden einnehmen können oder wollen, wäre eine Aushandlungssache und eine individuelle Entscheidung. Aber einen Begegnungsraum für Nachfahr:innen von Betroffenen oder von Täter:innen zu schaffen, an dem auch Bremer:innen partizipieren können, wäre eine Form der Auseinandersetzung, die die Leere füllen würde, die die Begegnungen mit Zeitzeug:innen hinterlassen haben.

Weiterführende Links und Literatur

Website Bildungsportal NS-Zwangsarbeit/

 

Weiterführende Literatur

  • Lena Langensiepen: „Von Spurensuche bis Besuchsprogramme: Der lange Weg der Erinnerung an NS-Zwangsarbeit in Bremen seit den 1980er Jahren“, Bremen 2016
  • Walerjan-Wróbel-Verein Zwangsarbeit e.V. (Hg.): „Vergessene Opfer. Die Erinnerungsarbeit des Vereins Walerjan Wróbel Verein Zwangsarbeit e.V.“, Kleine Schriften des Staatsarchivs Bremen, Heft 40, Bremen 2007
  • Anja Kräutler; „Dieselbe Stadt – und doch eine ganz Andere. Kommunale und bürgerschaftliche Besuchsprogramme für ehemalige Zwangsarbeiter und andere Opfer nationalsozialistischen Unrechts“, Berlin 2006
icon--arrow__white icon--info icon--link-extern icon--plus icon--slider-left Slider_Pfeil-rechts_weiss
Zum Anfang der Seite springen