Die Witwen von Murat

Beginn der Aufarbeitung

Gezeigt wird ein schwarz-weißes Bild, es zeigt 12 Frauen und 3 Männer. Die Frauen sind überwiegend in schwarz gekleidet, die Männer tragen graue Anzüge. Im Hintergrund befindet sich ein Baum, die Personen stehen auf einer Wiese.
„Pilgerfahrt“ der Witwen von Murat, 1950
Quelle: Frankreich, Mémoire(s)&Déportation du Cantal

Wo genau dieses Foto entstanden ist, konnte bisher nicht geklärt werden. Fest steht lediglich, dass es eine Reise dokumentiert, die im Juni 1950 stattfand und eine Delegation von vorrangig Witwen aus dem französischen Städtchen Murat (Auvergne) nach Bremen führte – auf den Spuren ihrer in KZ-Haft verstorbenen Männer.

„Terroristen … unschädlich gemacht“

Ein Zeitungsartikel mit Bildern. Weitere Informationen zum Bild finden Sie im Transkript des Bildes
"Die Wehrmacht", August 1944, Quelle: Frankreich, Mémoire(s)&Déportation du Cantal

Transkript:

Terroristen im französischen Raum unschädlich gemacht

[links ein Foto eingeblendet]

Während im normannischen Küstengebiet die gewaltigen Schlachten gegen die anglo-amerikanischen Invasionsheere toben, versuchen einzelne verhetzte und von England bezahlte Terroristengruppen im Hinterland Sabotageakte durchzuführen. Aber auch die Unterstützung durch feindliche Fallschirmagenten nutzt ihnen nichts. Schlagkräftig packen Einheiten der deutschen Polizei, des SD und der Wehrmacht zu. Sie stöbern die Terroristen in ihren Schlupfwinkeln auf, stellen sie zum Kampf und vernichten sie. Jeder Feind im Rücken der deutschen Armeen wird unschädlich gemacht. PK-Aufnahmen: SS Kriegsberichter Martini

[Rechts neben Textblock ein Foto eingeblendet]

[Darunter ein Foto eingeblendet, rechts daneben Text]

Links oben: in einer kleinen französischen Stadt. Eine Gruppe von Terroristen ist gestellt. Deutsche Gendarmerie riegelt die Straßen und Fluchtwege ab. Aus den Dachluken einiger Häuser peitschen noch Schüsse. Aber ein Nest nach dem anderen wird gesäubert.

Die Einwohner des Städtchens wollen in ihrer überwiegenden Mehrheit von den Terroristen nichts wissen. Trotz der Säuberungsaktion der deutschen Verbände geht das Leben in den bergigen Straßen seinen alltäglichen Gang weiter. 

Links: Einige Häuser, in denen sich geflüchtete Terroristengruppen festgesetzt hatten, sind gesprengt worden. Dichte Rauchwolken steigen in den sommerlichen Himmel.

[Linke untere Hälfte des Artikels zeigt ebenfalls ein Foto, mittig dann Text, rechts daneben erneut ein Foto]

Jedes Haus ist verdächtig! Alle Winkel werden nach versteckten Terroristen und Waffen durchstöbert. 120 Gefangene fielen der deutschen Gendarmerie bei dieser Aktion in die Hände. Von den eigenen Landsleuten mit grimmigen Blicken verfolgt, wandern die Terroristen unter starke Bedeckung zur ersten Vernehmung. 

 

 

Sechs Jahre vorher, am 24. Juni 1944, hatte die Wehrmacht in der kleinen Stadt Murat eine Razzia durchgeführt. Sie war eine „Vergeltung“ für einen Anschlag, den eine Gruppe von Widerstandskämpfern am 12. Juni durchgeführt hatte. Dabei war der Chef der Sicherheitspolizei im von der Wehrmacht besetzten Frankreich erschossen worden. Am Morgen des 24. Juni wurde das Städtchen umzingelt und alle Männer zwischen 18 und 50 Jahren verhaftet. 107 von ihnen wurden Mitte Juli 1944 in das KZ Neuengamme deportiert und dann in die KZ-Außenlager verteilt, darunter Bremen-Farge. Nur 34 überlebten die Arbeits- und Lagerbedingungen und kehrten im Mai und Juni 1945 nach Hause zurück.

Henri Joannon (1901-1985)

Gezeigt wird eine Karte, auf französisch verfasst. Sie beinhaltet Informationen über Henri Joannon.
Karte für den politisch Deportierten Henri Joannon
Quelle: Frankreich, Mémoire(s)&Déportation du Cantal

Transkript:

Interministerielle Akte der Französischen Republik
Ausweis für politische Deportierte
Ausgestellt vom Minister für Kriegsveteranen und Kriegsopfer
Inhaber: Joannon Henri. Marie
Geboren am 17. April 1901 in Montmarault
Wohnort: Atollin, Place Marchande Murat 
Interniert vom 24. Juni 1944 bis zum 14. Juli 1944
Deportiert vom 15. Juli 1944 bis zum 15. Mai 1945
Karte ausgestellt am: 3. Juni 1953
Der Direktor des Geheimdienstes und Standesamt [...] 
F.B. P. Lamotte [Stempel]

Zu ihnen gehörte der Apotheker Henri Joannon. Der Vater von zwei Kindern war einer der 107 Männer, die am 15. Juli 1944 aus dem Sammellager Compiègne-Royallieu nördlich von Paris nach Deutschland deportiert worden waren. Auch er wurde im August 1944 nach Bremen-Farge verlegt. Nach der gewaltsamen Evakuierung des KZ-Außenlagers Anfang April 1945 kam seine Kolonne in das Kriegsgefangenenlager Stalag XB Sandbostel, das inzwischen auch als Auffanglager für KZ-Häftlinge diente. Dort wurde Joannon am 29. April 1945 befreit. 

„In Erinnerung an die Toten und Vermissten aus dem Cantal“

Abgebildet ist ein handschriftlich verfasstes Dokument.
Schreiben von H. Joannon, 19. Mai 1950
Quelle: Frankreich, Archives départementales du Cantal, Aurillac

Transkript:

Aus dem Französischen übersetzt.

Murat, 19. Mai 1950

Sehr geehrter Herr,

bitte informieren Sie umgehend die Familien aus dem Bezirk Aurillac (natürlich nur unsere, damit man uns nicht vorwirft, auf Privatgrundstücken zu jagen), dass im Juni eine Pilgerreise zu den Kommandos von

Bremen Farge

Bremen Blumenthal

Bremen Kriegsmarine

stattfinden wird. Ich werde die Witwen begleiten.

Sie können dies auch in der Presse veröffentlichen.

Da uns nur wenig Zeit bleibt, muss ich bis Sonntag, den 28. Mai, von allen Personen benachrichtigt werden, die kommen möchten.

Henri Joannon bekleidete bis zu seinem Tod das Amt des Präsidenten des bereits 1945 gegründeten Verbands der KZ-Überlebenden und Nachfahren aus der Region Cantal. In dieser Eigenschaft organisierte er im Frühjahr 1950 für die Witwen der Männer, die die Deportation, anders als er, nicht überlebt hatten, eine sogenannte „Pilgerfahrt“ (Pélerinage) nach Bremen. In dem oben abgebildeten Schreiben benennt er die Stationen der Fahrt: „die Kommandos von Bremen Farge, Bremen Blumenthal [Bahrsplatte], Bremen Kriegsmarine [Osterort/Riespot]“. Die Fahrt solle im Juni 1950 stattfinden und er würde die Witwen begleiten.

Zwei Schwestern

Gezeigt wird ein französischer Pass.
Reisepass für Marie Parret, ausgestellt im Mai 1950
Quelle: Privatarchiv der Familie Parret

Transkript:

Französische Republik

[Emblem der Republik Frankreich]


Pass
Nr. 1350
Name: Frau Parret
Geburtsname: Dumont
Marie Ursule Philoméne [handschriftlich]

Aufgrund der beschränkten Beherbergungskapazitäten in den kriegszerstörten deutschen Städten war die Anzahl der Reisenden beschränkt. Auch durfte nur jeweils ein Familienmitglied mitreisen. Zu der Gruppe, die am 19. Juni 1950 nach Bremen aufbrach, gehörten zwei Schwestern, Marie Parret und Marguerite Cassagne (Gruppenfoto: 3. bzw. 7. v.l.). Ihre Männer, Georges Parret (geb. 1900, Weinhändler) und Pierre Cassagne (geb. 1902, Käsehändler), hatten die Deportation nicht überlebt. Georges starb am 28. März 1945 im KZ-Außenlager Farge. Die Spur von Pierre verliert sich nach der Evakuierung des KZ-Außenlagers Bremen-Blumenthal Anfang April 1945 ebenfalls in Farge.

„Für Frankreich gefallen“?

Gezeigt wird ein Transportgutschein für eine Eisenbahn, das Dokument hat von links unten nach rechts oben einen roten Strich in der Mitte.
Eisenbahntransportgutschein, Juni 1950
Quelle: Privatarchiv der Familie Parret

Transkript:

Übersetzung aus dem Französischen.

Retour, Nr. 07112, [handschriftlich unlesbarer Name]

Eisenbahntransportgutschein für die 2. Klasse von Bremen nach Hamburg über Frankfurt 

Nur gültig mit dem Stempel des Abgangsbahnhofs

Nummer der Kennkarte oder des Passes: [keine Eintragung, darüber handschriftlich D 24/06]

Stempel des Abgangsbahnhofs [Stempel vom 23. Juni 1950, Bremen-Hauptbahnhof]

Dieser Gutschein ist persönlich, er ist auf Verlangen den Eisenbahnbediensteten vorzuzeigen.

Die Zugfahrt nach Deutschland war kostenlos, sowohl auf französischem als auch auf deutschem Boden, vorausgesetzt die Familien konnten eine Todesbescheinigung mit dem Hinweis „mort pour la France“ (gestorben für Frankreich) vorlegen. Für die Aufenthaltskosten mussten die Reisenden allerdings selbst aufkommen. Dies war insbesondere für die Frauen, die seit der Verhaftung ihrer Männer sechs Jahre zuvor allein für das Wohl der Familie sorgen mussten, eine Herausforderung.

Wie trauern ohne Leiche?

Abgebildet ist ein Foto von einem Grabstein der Familie Urgon, im Vordergrund ist die Gedenktafel mittig auf dem Grab zu erkennen, im Hintergrund des Bildes sieht man weitere Gräber sowie Bäume und eine Wiese.
Gedenktafel für den im April 1945 im Lager Sandbostel verstorbenen Pierre Urgon (1914-1945)
Quelle: Denkort Bunker Valentin / LzpB Bremen

Auf dem Friedhof von Murat sind viele solcher Gedenktafeln zu sehen. Sie stehen an den Familiengräbern und weisen auf die schmerzhafte Lücke hin, die die Deportation in die Familien hinterlassen hat. 

Pilgerfahrt der Kinder

Gezeigt wird ein schwarz-weißes Foto, im Vordergrund des Bildes sind eine Frau und ein Mann zu sehen. Die Frau beobachtet die Szene, der Mann liest etwas von einem Blatt ab, welches er in der Hand hält. Im Hintergrund stehen 8 Personen, sie sehen noch jung aus. Die vierte Person von links hält eine Fahne. Die Personen schauen auf einen Kranz, der vor ihnen auf dem Boden liegt.
Pilgerfahrt der Kinder, Friedhof Bremen-Osterholz, 1954
Quelle: Frankreich, Mémoire(s)&Déportation du Cantal

Neben den offiziellen Trauerzeremonien, die seit 1945 jährlich in Murat stattfinden, boten die "Pilgerfahrten" von Anfang an den Familien Trost. "Sie erlauben es ihnen, dem geliebten Menschen ein wenig näher zu sein und einige Stunden lang an dem Ort zu weilen, an dem die Verstorbenen womöglich selbst noch entlanggelaufen sind, dasselbe wie sie zu sehen, dieselbe Luft wie sie zu atmen. Ein zwar beschwerliches und trauriges Gefühl, aber auch das Gefühl, einen Wunsch erfüllt zu haben." (‚N’oublions jamais‘, Journal des Verbands der französischen KZ-Überlebenden und Nachfahren, März 1951)

Ein Erinnerungsort

Gezeigt wird ein Foto, links im Bild ist ein Mahnmal für Zwangsarbeiter:innen zu sehen. Daneben stehen eine Frau und drei Männer, die den Blick auf einen Kranz vor ihren Füßen gerichtet haben. Der ganz links stehende Mann hat die rechte Hand auf das Herz gelegt. Ein Mann steht mit dem Rücken zur Kamera, er trägt eine französische Fahne. Dahinter stehen mehrere Personen und beobachten die mittig stehenden Menschen.
Kranzniederlegung am Denkmal „Vernichtung durch Arbeit“ vor dem Denkort Bunker Valentin, Mai 2025
Quelle: Denkort Bunker Valentin/LzpB Bremen

Die Organisation von Gedenkfahrten gehört nach wie vor zu den Kernaufgaben des Nachfahren-Verbands. Heute nehmen Angehörige der 4. und 5. Generation daran teil. Der Enkel von Marie und Georges Parret, Benoît, ist heute Präsident des Verbands Mémoire(s)&Déportation du Cantal (auf dem Foto: 2.v.l. in der ersten Reihe). Bis zu seinem Lebensende hatte sein Vater Pierre (1936-2015) einen immer wiederkehrenden Albtraum: am Bord seines LKW fuhr er des Nachts nach Deutschland, um die Leiche seines Vaters Georges nach Murat zurückzubringen.

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