Beginn der Aufarbeitung
Wo genau dieses Foto entstanden ist, konnte bisher nicht geklärt werden. Fest steht lediglich, dass es eine Reise dokumentiert, die im Juni 1950 stattfand und eine Delegation von vorrangig Witwen aus dem französischen Städtchen Murat (Auvergne) nach Bremen führte – auf den Spuren ihrer in KZ-Haft verstorbenen Männer.
„Terroristen … unschädlich gemacht“
Sechs Jahre vorher, am 24. Juni 1944, hatte die Wehrmacht in der kleinen Stadt Murat eine Razzia durchgeführt. Sie war eine „Vergeltung“ für einen Anschlag, den eine Gruppe von Widerstandskämpfern am 12. Juni durchgeführt hatte. Dabei war der Chef der Sicherheitspolizei im von der Wehrmacht besetzten Frankreich erschossen worden. Am Morgen des 24. Juni wurde das Städtchen umzingelt und alle Männer zwischen 18 und 50 Jahren verhaftet. 107 von ihnen wurden Mitte Juli 1944 in das KZ Neuengamme deportiert und dann in die KZ-Außenlager verteilt, darunter Bremen-Farge. Nur 34 überlebten die Arbeits- und Lagerbedingungen und kehrten im Mai und Juni 1945 nach Hause zurück.
Henri Joannon (1901-1985)
Zu ihnen gehörte der Apotheker Henri Joannon. Der Vater von zwei Kindern war einer der 107 Männer, die am 15. Juli 1944 aus dem Sammellager Compiègne-Royallieu nördlich von Paris nach Deutschland deportiert worden waren. Auch er wurde im August 1944 nach Bremen-Farge verlegt. Nach der gewaltsamen Evakuierung des KZ-Außenlagers Anfang April 1945 kam seine Kolonne in das Kriegsgefangenenlager Stalag XB Sandbostel, das inzwischen auch als Auffanglager für KZ-Häftlinge diente. Dort wurde Joannon am 29. April 1945 befreit.
„In Erinnerung an die Toten und Vermissten aus dem Cantal“
Henri Joannon bekleidete bis zu seinem Tod das Amt des Präsidenten des bereits 1945 gegründeten Verbands der KZ-Überlebenden und Nachfahren aus der Region Cantal. In dieser Eigenschaft organisierte er im Frühjahr 1950 für die Witwen der Männer, die die Deportation, anders als er, nicht überlebt hatten, eine sogenannte „Pilgerfahrt“ (Pélerinage) nach Bremen. In dem oben abgebildeten Schreiben benennt er die Stationen der Fahrt: „die Kommandos von Bremen Farge, Bremen Blumenthal [Bahrsplatte], Bremen Kriegsmarine [Osterort/Riespot]“. Die Fahrt solle im Juni 1950 stattfinden und er würde die Witwen begleiten.
Zwei Schwestern
Aufgrund der beschränkten Beherbergungskapazitäten in den kriegszerstörten deutschen Städten war die Anzahl der Reisenden beschränkt. Auch durfte nur jeweils ein Familienmitglied mitreisen. Zu der Gruppe, die am 19. Juni 1950 nach Bremen aufbrach, gehörten zwei Schwestern, Marie Parret und Marguerite Cassagne (Gruppenfoto: 3. bzw. 7. v.l.). Ihre Männer, Georges Parret (geb. 1900, Weinhändler) und Pierre Cassagne (geb. 1902, Käsehändler), hatten die Deportation nicht überlebt. Georges starb am 28. März 1945 im KZ-Außenlager Farge. Die Spur von Pierre verliert sich nach der Evakuierung des KZ-Außenlagers Bremen-Blumenthal Anfang April 1945 ebenfalls in Farge.
„Für Frankreich gefallen“?
Die Zugfahrt nach Deutschland war kostenlos, sowohl auf französischem als auch auf deutschem Boden, vorausgesetzt die Familien konnten eine Todesbescheinigung mit dem Hinweis „mort pour la France“ (gestorben für Frankreich) vorlegen. Für die Aufenthaltskosten mussten die Reisenden allerdings selbst aufkommen. Dies war insbesondere für die Frauen, die seit der Verhaftung ihrer Männer sechs Jahre zuvor allein für das Wohl der Familie sorgen mussten, eine Herausforderung.
Wie trauern ohne Leiche?
Auf dem Friedhof von Murat sind viele solcher Gedenktafeln zu sehen. Sie stehen an den Familiengräbern und weisen auf die schmerzhafte Lücke hin, die die Deportation in die Familien hinterlassen hat.
Pilgerfahrt der Kinder
Neben den offiziellen Trauerzeremonien, die seit 1945 jährlich in Murat stattfinden, boten die "Pilgerfahrten" von Anfang an den Familien Trost. "Sie erlauben es ihnen, dem geliebten Menschen ein wenig näher zu sein und einige Stunden lang an dem Ort zu weilen, an dem die Verstorbenen womöglich selbst noch entlanggelaufen sind, dasselbe wie sie zu sehen, dieselbe Luft wie sie zu atmen. Ein zwar beschwerliches und trauriges Gefühl, aber auch das Gefühl, einen Wunsch erfüllt zu haben." (‚N’oublions jamais‘, Journal des Verbands der französischen KZ-Überlebenden und Nachfahren, März 1951)
Ein Erinnerungsort
Die Organisation von Gedenkfahrten gehört nach wie vor zu den Kernaufgaben des Nachfahren-Verbands. Heute nehmen Angehörige der 4. und 5. Generation daran teil. Der Enkel von Marie und Georges Parret, Benoît, ist heute Präsident des Verbands Mémoire(s)&Déportation du Cantal (auf dem Foto: 2.v.l. in der ersten Reihe). Bis zu seinem Lebensende hatte sein Vater Pierre (1936-2015) einen immer wiederkehrenden Albtraum: am Bord seines LKW fuhr er des Nachts nach Deutschland, um die Leiche seines Vaters Georges nach Murat zurückzubringen.