Ein Fundstück
Bis vor wenigen Jahren lag diese Uhr in einem Schrank der Arolsen Archives. Sie war dem Spanier Cayo Pelegay-Villoque im Juli 1944 bei seiner Ankunft im KZ Neuengamme bei Hamburg abgenommen worden. Nach Kriegsende kam die Uhr in das Archiv des Internationalen Suchdiensts des Roten Kreuzes (ITS). Von der Existenz der Uhr und dessen Besitzer erfuhr der spanische Aktivist Santiago Gimeno durch Zufall. In einer Liste von Spanier:innen, die in deutsche Konzentrationslager deportiert worden waren, stieß er im Jahr 2016 zufällig auf seinen Familiennamen. Er fing nun an, in seiner Familie Fragen zu stellen. Dabei stellte sich heraus, dass Cayo sein Ur-Ur-Großonkel gewesen war. Dessen Spur habe sich aber Ende der 1930er Jahren verloren, so die Auskunft seiner Familie.
Cayo Pelegay Villoque (1898-1945)
Cayo Pelegay Villoque lebte zu dieser Zeit in Frankreich, wohin er nach der Zerschlagung der spanischen Republik durch die Truppen des spanischen Faschisten Franco geflohen war. 1940 stellte Pelegay Villoque einen Asylantrag bei der mexikanischen Botschaft in Paris. Ohne Erfolg. Ende Juni 1944 wurde er in Flesseles, nördlich von Amiens, verhaftet, weil er den Arbeitsdienst für die deutsche Kriegswirtschaft (STO) verweigert hatte. Am 15. Juli 1944 wurde Cayo Pelegay Villoque in das Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg deportiert.
Todesursache: „Herzschwäche“
Er bekam die Häftlingsnummer 37272 und wurde kurze Zeit später an das KZ-Außenlager Bremen Farge überstellt. Dort verstarb er am 15. Februar 1945 im Alter von 46 Jahren. Die offizielle Todesursache lautete „Herzschwäche infolge Sepsis bei Phlegmone“. Woran er tatsächlich gestorben ist und ob seine Leiche ins zum Außenlager gehörende Massengrab transportiert oder im Krematorium des KZ Neuengamme eingeäschert wurde, werden wir vermutlich nie erfahren.
Die Bedeutung für heute
In einem Interview, das wir anlässlich von Santiago Gimenos erstem Bremer Besuch aufzeichneten, beantwortete er die Frage, welche Bedeutung die Uhr und die Orte des Leidens seines Großvaters für ihn hätten: „In der spanischen Gesellschaft gibt es weder Debatten noch Gespräche über das, was in den 30er und 40er Jahren passiert ist. (...) Es gibt ein Schweigen und einen Pakt des Vergessens über das Geschehene. (...) ich bin überzeugt, dass Zurückblicken der einzige Weg ist, die Zukunft zu beschreiten. Während wir diese Dinge erforschen, reden wir eigentlich über die Gegenwart und die Zukunft.“
„Rotspanier“
Die NS-Propaganda bezeichnete Menschen wie Pelegay als "Rotspanier": antifaschistische Republikaner, die im spanischen Bürgerkrieg (1936-1939) vom Militär unter General Franco besiegt und in den Ländern, in die sie geflüchtet waren, zur Arbeit rekrutiert und ausgebeutet wurden. In Frankreich mussten sie sowohl für das Vichy-Regime, das mit dem NS-Regime kollaborierte, als auch für die deutsche Besatzungsmacht Zwangsarbeit leisten. Sie wurden zum Beispiel für den Bau des „Atlantikwalls“ bei der „Organisation Todt“ (OT) eingesetzt. Im Laufe des Krieges wurden Tausende von ihnen in Konzentrationslager deportiert. Die von Peter Gaida und Dr. Antonio Muñoz Sánchez von der Universität Lissabon kuratierte Wanderausstellung verweist auf das nicht nur recht unbekannte, sondern teilweise auch verdrängte Schicksal der spanischen Zwangsarbeiter:innen im Zweiten Weltkrieg.
Letzte Spuren
Nachdem er im Sommer 2019 die Uhr von Cayo in Bad Arolsen abgeholt hatte, kehrte Santiago Gimeno nach Spanien zurück. Dort konnte der Großneffe von Cayo, „Paquito“ (Francesco), Enkel von Cayos älterem Bruder Maximino, es kaum erwarten, dieses letzte Lebenszeichen in der Hand zu halten. Francesco Pelegay verstarb nur wenige Wochen später. Santi ist froh, dass die Uhr von Cayo rechtzeitig den Weg zurück nach Hause gefunden hat. Er überlegt nun, in Cayos Geburtsort einen Stolperstein verlegen zu lassen.
#StolenMemory
Das Projekt #StolenMemory entstand 2016 als Initiative der Arolsen Archives. Unterstützt von Freiwilligen suchen sie nach Familien der NS-Opfer, um ihnen die persönlichen Gegenstände zurückzugeben, die ihren Angehörigen bei der Verhaftung oder bei der Einlieferung ins Konzentrationslager abgenommen worden waren. Einige Tausend dieser Gegenstände gibt es noch. Über 400 Erinnerungsstücke konnten bereits zurückgegeben werden. Seit 2020 machen die Arolsen Archives mit einer Wanderausstellung auf das Projekt europaweit aufmerksam. Unter der Überschrift „Gefunden“ geht es um Effekten, die bereits zurückgegeben werden konnten. Das Thema „Gesucht“ greift Objekte auf, die noch auf ihre Rückgabe warten. Dabei ist es den Arolsen Archives wichtig, dass jeder und jede bei der Suche und Rückgabe helfen kann.