Strafverfahren gegen Walhorn

Ermordet in Farge

Abgebildet ist ein lässig gekleideter Mann mit dunkelblondem Haar. Es ist ein schwarz-weißes Foto. Der Mann sitzt in der Wiese eines Gartens vor einem Zaun. Er schaut leicht lächelnd in die Kamera.
Theo Roodvoets, (24. März 1917 – 23. Februar 1944)
Quelle: Erik de Graaf

Theo Roodvoets wurde nach der Besetzung der Niederlande durch die Wehrmacht zum Arbeitseinsatz im Deutschen Reich zwangsverpflichtet. Aus einem Heimaturlaub kehrte er wegen der brutalen Bedingungen in Deutschland nicht zurück. Damit galt er aus Sicht der Deutschen als „arbeitsvertragsbrüchig“. Im Januar 1944 wurde Roodvoets deshalb bei einer Razzia des Sicherheitsdienstes des SS (SD) in Groningen festgenommen. Die Gestapo brachte ihn zusammen mit einem weiteren Niederländer, Tjark Kremer, ins „Arbeitserziehungslager“ Farge. Am 23. Februar starb Roodvoets an den Folgen der Lagerhaft.  

Späte Ermittlungen

Abgebildet ist ein mit Schreibmaschine erstelltes Dokument.
Abschrift des Totenscheins von Theo Roodvoets, 12. Oktober 1961
Quelle: Staatsarchiv Bremen

Transkript:

Abschrift 36 [handschriftlich]

Nummer des Sterberegisters: 73 (Vom Standesbeamten auszufüllen), Jahrgang 1944

Totenschein, ausgestellt nach Besichtigung der nachbezeichneten Leiche:

  1. Familienname und Vorname: Roodvoets, Theo
  2. Jahr, Tag und Ort der Geburt: am 24.3.17 zu Aduard
  3. Tag Monat und Stunde des Todes: an 23.2.1944 um 19.00 Uhr
  4. Stand, Beruf oder frühere Beschäftigung (bei ehelosen Kindern des Vaters, bei unehelichen der Mutter): Arbeiter
  5. Familienstand: ledig, verheiratet, verwitwet, geschieden, bei Kindern unter 5 Jahren ehelich, unehelich
  6. Wohnung, Straße und Hausnummer des Verstorbenen (Bei Ortsfremden auch Wohnort): Arbeitserziehungslager im Marinelager Neuenkirchen
  7. Todesursache (Möglichst in deutscher Sprache): Grundleiden = Schwäche, Begleitkrankheit = Darmkatarrh, Nachfolgende Krankheiten = Kreislaufschwäche, Welches der Leiden hat den Tod unmittelbar herbeigeführt = Kreislaufschwäche 
  8. Dauer der Krankheit, Dauer der vorhergehenden Behandlung: 1 Tag
  9. Bei Kindern unter 1 Jahr; Art der Ernährung: Brust, künstliche Ernährung
  10. Bemerkungen, Autopsie = nein

Vorstehende Angaben sind nach den vorgenommenen Ermittlungen verzeichnet und an der Leiche untrügliche Anzeichen des Todes festgestellt. Verdacht einer wiedernatürlichen Veranlassung des Todes liegt nicht vor.

Bremen, am 23. 2.1944, Dr. Heidbreder. 

Als offizielle Todesursache gab Lagerarzt Walter Heidbreder „Kreislaufzusammenbruch“ an. Lagerkommandant Karl Walhorn unterschrieb den Totenschein. Roodvoets Bruder Adriaan ging aber davon aus, dass sein Bruder ermordet worden war. Er wandte sich 1961 an den Bundesjustizminister und forderte Ermittlungen gegen die Täter. Das Bundesjustizministerium verwies die Anfrage an den Senator für Justiz in Bremen. Das nun eingeschaltete Landeskriminalamt begann mit umfangreichen Ermittlungen. Beamte vernahmen die Ärzte Walter Heidbreder und Hans Weidemann, einige Gestapo-Beamte und den ehemaligen Kommandanten Walhorn. 

"Auf der Flucht erschossen"

Gezeigt wird ein mit Schreibmaschine erstelltes Dokument.
Auszug aus der Ermittlungsakte der Staatsanwaltschaft Bremen, 9. Januar 1962
Quelle: Staatsarchiv Bremen

Transkript:

Name: Murawa, Vorname: Tadeus, Geburtstag: 27.10.1918, Todestag: 12.11.1942, Todesursache: Tod durch Erschießen auf der Flucht, Anzeige beim Standesamt: Arbeitserziehungslager [im Folgenden AEL] Oberstabsführer Walhorn

Name: Jacques, Vorname: Julian, Geburtstag: 23.8.1918, Todestag: 7.6.1943, Todesursache: Erschießung auf der Flucht, Anzeige beim Standesamt: AEL Fritz Papke

Name: Schmelski, Vorname: Paul, Geburtstag: 11.5.1911, Todestag: 6.12.1943, Todesursache: Erschießung auf der Flucht, Anzeige beim Standesamt: AEL Schutzstaffel [SS] Rottw. Josef Kuth

Name: Stronk, Vorname: Hipolit, Geburtstag: 22.8.1923, Todestag: 15.12.1943, Todesursache: Erschießung auf der Flucht, Anzeige beim Standesamt: AEL Geheime Staatspolizei [Gestapo]

Name: Byczkowski, Vorname: Josef, Geburtstag: 8.6.1920, Todestag: 15.12.1943, Todesursache: Erschießung auf der Flucht, Anzeige beim Standesamt: AEL Gestapo

Name: Gruben, Vorname: Walter, Geburtstag: 24.5.1902, Todestag:4.1.1944, Todesursache: Erschießung auf der Flucht, Anzeige beim Standesamt: KZ [Konzentrationslager] KZ

Name: Radwanski, Vorname: Anton, Geburtstag: 13.6.1920, Todestag: 7.1.1944, Todesursache: Erschießung auf der Flucht, Anzeige beim Standesamt: AEL Gestapo

Name: Plasza, Vorname: Maria, Geburtstag: 25.12.1915, Todestag: 21.2.1944, Todesursache: Schuß in Hinterkopf, Anzeige beim Standesamt: AEL Gestapo

Name: Lorusso, Vorname: Andrea, Geburtstag: 10.12.1913, Todestag: 21.3.1944, Todesursache: Auf der Flucht erschossen, Anzeige beim Standesamt: KZ. Farge

Name: Boulet, Vorname: Caston, Geburtstag: 3.4.1900, Todestag: 20.9.1944, Todesursache: Auf der Flucht erschossen, Anzeige beim Standesamt: KZ. Farge

Name: Gosiak, Vorname: Jan, Geburtstag: 30.4.1924, Todestag: 11.10.1944, Todesursache: Auf der Flucht erschossen, Anzeige beim Standesamt: Kz. Farge

Name: Burewestnik, Vorname: Pjotz, Geburtstag: 18.7.1923, Todestag: 12.10.1944, Todesursache: Auf der Flucht erschossen, Anzeige beim Standesamt: KZ.Farge

Name: Willens, Vorname: Karl, Geburtstag: 25.9.1897, Todestag: 8.4.1945, Todesursache: Schußverletzung, Anzeige beim Standesamt: M.L. [Marinelager]

Name: Donit, Vorname: Paul, Geburtstag: 2.10.1924, Todestag: 13.9.1944, Todesursache: Tod durch Erschießen, Anzeige beim Standesamt: AEL. Heins Hoyer

Name: Chretin, Vorname: Paul, Geburtstag: 31.7.1921, Todestag: 13.9.1944, Todesursache: Tod durch Erschießen, Anzeige beim Standesamt: AEL. Heins Hoyer

Name: Boulet, Vorname: Gaston, Geburtstag: 44 Jahre, Todestag: 20.9.1944, Todesursache: Auf der Flucht erschossen, Anzeige beim Standesamt: ? SS- und Polizei, Gericht Hamburg

Name: Jantschek, Vorname: Greogr, Geburtstag: 29.12.1925, Todestag: 21.10.1944, Todesursache: Bauchdurchschuß, Anzeige beim Standesamt: AEL Heins Meyer 

Als offizielle Todesursache gab Lagerarzt Walter Heidbreder „Kreislaufzusammenbruch“ an. Lagerkommandant Karl Walhorn unterschrieb den Totenschein. Roodvoets Bruder Adriaan ging aber davon aus, dass sein Bruder ermordet worden war. Er wandte sich 1961 an den Bundesjustizminister und forderte Ermittlungen gegen die Täter. Das Bundesjustizministerium verwies die Anfrage an den Senator für Justiz in Bremen. Das nun eingeschaltete Landeskriminalamt begann mit umfangreichen Ermittlungen. Beamte vernahmen die Ärzte Walter Heidbreder und Hans Weidemann, einige Gestapo-Beamte und den ehemaligen Kommandanten Walhorn. 

"Die Ermittlungen sind abgeschlossen"

Gezeigt wird ein mit Schreibmaschine erstelltes Dokument.
Schreiben der Staatsanwaltschaft an den Justizsenator, 12. Juli 1962
Quelle: Staatsarchiv Bremen

Transkript:

29 a Js 5/62 HA, unleserliche handschriftliche Unterschrift, 5, 1) Berichten: (erledigt. 10.7.1962 final.)

An den Herrn Senator für Justiz und Verfassung in Bremen durch den Herrn Generalstaatsanwalt bei dem Hanseatischen Oberlandesgericht in Bremen

Betreff: Strafverfahren gegen den kaufmännischen Angestellten Karl Walhorn unter anderem wegen Mordes Gemäß BeStra vom 5.2.1948 Nummer 4 Absatz 1 und Absatz 2 a und b, Vorberichte vom 9.1. und 20.3.1962, Anlage 2: Schriftstücke

Die Ermittlungen sind abgeschlossen. Ihr Ergebnis hat zur Anklageerhebung geführt. Wegen der Gründe bitte ich auf die abschriftlich anliegenden beiden Einstellungsbescheide verweisen zu dürfen.

Bremen, den 12. [handschriftlich] Juli 1962

Der Leitende Oberstaatsanwalt bei dem Landgericht 

Dem Bericht zu 1) sind die Einstellungsbescheide vom 9.7.1962 an Giese und Roodvoets in je 2 Stücken beizufügen.

Trotz aller Hinweise auf die Ermordung von zahlreichen weiteren Häftlingen im „Arbeitserziehungslager“ stellte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen im Juli 1962 ein. Den Widerspruch von Adriaan Roodvoets wiesen Generalstaatsanwalt Dünnebier und Staatsanwalt Höffler zurück. Beide waren keine unbeschriebenen Blätter. Dünnebier war 1933 der SA und 1937 der NSDAP beigetreten. 1947 wurde er wegen seiner Vergangenheit zunächst nur unter Vorbehalt Staatsanwalt in Bremen. Siegfried Höffler arbeitete 1939 beim Sondergericht im polnischen Rzesòw. Während seines Dienstes dort wurden die zweitmeisten Todesurteile an einem Sondergericht verhängt. 1941 wurde Höffler zum Landesschützenbataillon nach Lodcz versetzt. Nach Kriegsende erhielt Höffler Berufsverbot. Dennoch brachte er es in Bremen bis zum Oberstaatsanwalt.

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